Botho Strauß

Die Zeit und das Zimmer

PREMIERE am 17. Mai 2019

Julius und Olaf sitzen im Zimmer wie Wettermännchen: je nach Lage schaut einer von beiden zum Fenster hinaus. Sie beobachten die Straße, die Passanten, bis diese, ähnlich umherwirbelnder Blätter im Rinnstein tanzend, zur Tür herein kommen. So auch die junge Frau von der Straße, Marie Steuber, die sich von der Selbstmörderin zur Geliebten des Mannes ohne Uhr, zur wütenden Ehefrau Rudolfs wie zur Vermieterin verwandelt. Sie ist das eine so plötzlich, wie sie das andere stets bleibt; eine letzte Ahnung des Mädchens von der Straße ist immer zu spüren. Solchen purzelnden Metamorphosen geben sich auch die anderen Figuren hin, die mit Koffern jäh ihren Weg in das Zimmer finden und ihre ganz eigene Vergangenheit im Gepäck haben. Sie reden, streiten und lieben – für den kurzen Augenblick ebenso wie für die fortwährende Zeitspanne, in der Julius und Olaf Beobachter sind. Die "Menschlein", die in das Zimmer geweht werden, sprechen aus, was uns alltäglich passiert: Wir verpassen einander, verwechseln uns gegenseitig und hegen Erwartungen. In Träumen und Vorstellungen sind wir uns schon einmal begegnet – oder etwa nicht? So ahnt Marie die Schlaffrau, die ein Mann im Wintermantel aus dem brennenden Hotel rettet, und so scheint Olaf Marie zu kennen, noch bevor sie seine Frau wird, denn sie sind sich begegnet – im Zimmer, zu einer Zeit, die, sich stets verändernd, wiederkehrt.

Der vielfach ausgezeichnete Theater-, Prosa- und Essayautor Botho Strauß ist einer der wichtigsten Autoren der westdeutschen Nachkriegsgeneration. Das im Jahr des Mauerfalls uraufgeführte Stück "Die Zeit und das Zimmer" spürt in gleichzeitig voraussagender wie erinnernder philosophisch-leichtfüßiger Bewegung dem Moment nach, in dem wir uns treffen. Auf der Straße wie mitten ins Herz, miteinander schon immer verbunden und doch überrascht von plötzlicher Veränderung.

Regie Sibylle Broll-Pape
Bühne und Kostüme Trixy Royeck
Dramaturgie Victoria Weich