Joe Orton

Beute

DEUTSCH VON RENÉ POLLESCH

Fay war Pflegerin der guten Mrs. McLeavy. Die alte Mama liegt nun aufgebahrt im Schlafzimmer, damit alle sich von ihr verabschieden mögen. Sie hat leider das Zeitliche gesegnet, was im Leben von Fay keine Seltenheit ist. Häufiger gehen die ihr Betrauten sehr rechtzeitig über den Jordan. „Alle meine Ehemänner verstarben. Ich hatte sieben insgesamt. Durchschnittlich einen pro Jahr. Ich bin verschwenderisch, ich weiß“, sagt sie und fragt sich, warum zum Teufel der Schrank nicht zu öffnen ist, in den sie doch nur einen Kleiderbügel hängen möchte. Mister McLeavy scheint ebenfalls nicht von tiefer Trauer gezeichnet, zudem bietet Fay ihm eine schnelle Hochzeit an. Wer möchte schon alleine sein? Und das in seinem Alter! Auch sein Sohn Hal wirkt nicht besonders betroffen; er plant, mit Dennis durchzubrennen, "jemandem, der einen extravaganten Lebensstil gewohnt ist". Dennis ist just bei dem Bestattungsunternehmen tätig, das die Verstorbene zum Friedhof bringen soll. Und es befindet sich
zufälligerweise genau neben der Bank, in die gerade eingebrochen wurde. Doch bevor der Kranz der Bingofreunde ausgiebig bestaunt werden kann und der Schrank sich öffnen lässt, klingelt es. Vor der Tür steht Truscott, behauptend, er wäre von den städtischen Wasserwerken. Aber er interessiert sich mehr für Fays verstorbene Ehemänner, den Schrank, den Sarg und das vermisste Geld als für Leitungen und Anschlüsse. Ob er nur "fälschlicherweise" oft für einen Detektiv gehalten wird und wo die Beute besser zu verstecken wäre – im Sarg oder im Schrank –, vermag die gar nicht so traurige
Trauergemeinde bald herauszufinden.


Die Sippschaft aus gezwungenermaßen ehrlichen Leichenfledderern, einem brutalen Polizisten und einer Heiratsschwindlerin gleicht einem Irrenhaus. Selbst der "Beamte des Wasserwerks" ist
im Endeffekt bestechlich. Die Korruption macht vor dem Tod nicht Halt, der Anstand wird mit der Leiche
begraben. In dieser tiefschwarzen Komödie sind Werte und Normen endlich passé, übrig bleibt die
räudige Lust am Geld, die Skrupellosigkeit der Verbliebenen und die Freude des Unverschämten.

Regie Stefan Otteni
Bühne und Kostüme Nora Johanna Gromer
Dramaturgie Armin Breidenbach